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INTERVIEW MIT
TRAINER KYRILL
WIDERSTAND, VERMÄCHTNIS UND DIE WAHRE UNABHÄNGIGKEIT
Kyrill Oliynyk
TRAINER & MANAGER
Wenn eine junge Frau einen so kompromisslosen Weg im Schwergewicht der Kampfsportarten wählt — und das parallel zu einem äußerst anspruchsvollen, völlig gegensätzlichen Hauptberuf —, wird das in der Regel selten nur mit Applaus bedacht. Mit welchem Widerstand und welchen Vorurteilen musste Annabell auf ihrem Weg kämpfen? Gab es in ihrem näheren Umfeld und in der Gesellschaft überhaupt das nötige Maß an Akzeptanz und Unterstützung für einen derart extremen Doppelweg?
Profisport ist immer ein Überlebenskampf. Und Frauensport im Schwergewicht ist ein Krieg an zwei Fronten. Und hier entscheidet die Geografie sehr viel.
In Osteuropa hat eine Berufssportlerin in der Regel starke Unterstützung und absolute Akzeptanz für ihre Wahl. Man spricht mit Stolz von ihr, ihre Erfolge werden geschätzt. Was die Beziehungen im engeren Familienkreis betrifft, so tut die Familie alles dafür, dass die Karriere der Sportlerin erfolgreich voranschreitet — dazu gehört auch die volle finanzielle Unterstützung, und es geht dabei um durchaus beachtliche Summen. Der engere Kreis versteht das von selbst und erfüllt es als Selbstverständlichkeit. Das ist eine Tatsache, ein absolutes Axiom, darum muss man nicht bitten oder es einfordern. Dasselbe geschieht übrigens auch in den USA, in Mexiko und in anderen Ländern, aus denen die stärksten Boxer und Boxerinnen der Welt kommen. In manchen westeuropäischen Ländern ist es dagegen genau umgekehrt — die Gesellschaft denkt dort bis heute in Klischees des 18. Jahrhunderts. Es geht so weit ins Absurde: Approbierte Ärzte können einer Profikämpferin allen Ernstes raten, "Kinder zu bekommen und stundenlang in der Küche zu stehen", statt sich mit "Unsinn" zu beschäftigen. Manche Arbeitgeber — und das ist keineswegs die Ausnahme — sind offen feindselig eingestellt. Sie überlasten die Sportlerin mitunter absichtlich vor den wichtigsten Turnieren, um sie aus dem Konzept zu bringen. Sie werden es kaum glauben, aber es gibt hier Länder, in denen der Trainerberuf auf staatlicher Ebene schlicht als Hobby gilt.
Am paradoxesten wird es genau dann, wenn eine Frau trotz dieses völligen Mangels an Unterstützung Welterfolg erzielt. Statt Anerkennung kommt Neid und der Wunsch, möglichst schmerzhaft zuzuschlagen. Ein Automatismus setzt ein: "Wie konnte sie es wagen? Wir haben doch alles getan, damit sie den Sport aufgibt." Menschen aus der Kampfsportwelt werden pauschal als Kriminelle abgestempelt, ohne sie überhaupt persönlich zu kennen. Das nähere Umfeld arrangiert sich beim Anblick der Medaillen zwar zwangsläufig mit den Tatsachen, doch ihre Unterstützung bleibt reine Lippenbekenntnisse.
All das schafft eine zweite, unsichtbare Gegnerin, die die Sportlerin auch außerhalb der Seile verfolgt. Der Weg einer Frau zur Meisterschaft ist hier kein Kampf gegen eine einzelne Gegnerin im Ring, sondern gegen ein ganzes System. Deshalb habe ich für Menschen mit angeborenen Klischees immer nur eine Antwort: Wenn Sie nicht helfen wollen — dann treten Sie einfach zurück in den Schatten und hindern Sie uns nicht an unserer Arbeit.
Können Sie uns von einem der eindrücklichsten Beispiele dafür erzählen, wie unterschiedlich Sportlerinnen in verschiedenen Ländern der Welt behandelt werden?
Damit Sie den ganzen Abgrund im Umgang mit Sportlerinnen verstehen, erzähle ich Ihnen eine Begebenheit. Als Trainer werde ich für immer die Episode bei der Kampfsport-Weltmeisterschaft 2024 in Tschechien in Erinnerung behalten. Annabell und ich saßen auf der Tribüne und warteten auf die Siegerehrung — sie hatte damals gleich in zwei Disziplinen Gold geholt. Neben uns saßen zwei Sportlerinnen aus einem der englischsprachigen Länder Europas und empörten sich, dass es für den dritten Platz einer von ihnen zu Hause "nur irgendeinen Mini Rover" gebe, "dabei hätte man sich so einen Volvo gewünscht". Und das Hotel habe man ihnen, man höre und staune, nicht in der Fünf-Sterne-Kategorie bezahlt, obwohl sie doch, ihren eigenen Worten nach, "Elite" seien. Ich wandte mich dieser jungen Frau zu und sagte ruhig: "Wir mussten uns die Landesflagge vom eigenen Geld kaufen, um damit aufs Podium zu treten." Diesen Blick voll echtem Schock und Entsetzen, mit dem sie mich ansah, werde ich nie vergessen. Das ist die perfekte Illustration dafür, in wie unterschiedlichen Realitäten wir existieren.
In Ihrer Karriere haben Sie bereits viele Sportlerinnen zu Titeln geführt. Aber das Projekt "Annabell Honert" hat offenbar eine völlig andere Dimension. Wenn Ihr Sieben-Jahres-Plan in ein paar Jahren abgeschlossen ist und sie an der absoluten Spitze steht — was ist das wahre Vermächtnis, das Sie beide in der Geschichte der Kampfsportarten hinterlassen wollen? Geht es nur um Meistergürtel, oder um etwas Größeres?
Mein Sieben-Jahres-Plan ist ein Plan für die Entwicklung der Sportlerin Annabell Honert, ein Plan für das Werden ihrer Persönlichkeit. Und seine Erfüllung wird nur eine Zwischenetappe sein. Der nächste Plan ist längst ausgearbeitet, und er tritt genau in der Sekunde in Kraft, in der dieser endet.
Was das wahre Vermächtnis betrifft, ist die Antwort denkbar einfach. Annabell ist ein völlig unabhängiges Projekt, das nichts mit den klassischen Standards der Kämpferinnen-Entwicklung gemein hat. Sie ist eine Persönlichkeit, die sich nicht dank der etablierten Regeln der Branche geformt hat, sondern ausschließlich entgegen ihnen.
Selbst wenn man sich vorstellt, dass jemand unbedingt versuchen möchte, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, zu brechen oder aus der sportlichen Bahn zu werfen — das System hat schlicht keinerlei Druckmittel gegen sie. Man kann sie nicht aus der Nationalmannschaft werfen, ihr nicht die alten Titel aberkennen, sie nicht aus der Presse streichen oder ihr die Finanzierung entziehen. Warum? Weil sie nie von einer einzigen Sportorganisation abhängig war. Sie hat weder moralische noch materielle Unterstützung aus ihrem Umfeld erhalten. Sie hat sich diesen Weg mit ihrer Gesundheit, mit Zwangsarbeit-artigem Fleiß und ausschließlich aus eigenen Mitteln erkämpft.
Und genau das sollte das wichtigste Vermächtnis und Vorbild sein für jede junge, talentierte Sportlerin, die man aus irgendeinem Grund abgeschrieben hat. Nichts ist verloren. Wenn Sie einen eisernen Willen haben und Ihren Zielen nicht untreu werden — dann erreichen Sie den Gipfel, selbst wenn das System Sie dort nicht sehen will.
Sie und Annabell haben einen langen Weg im Amateursport zurückgelegt, um schließlich zum Profisport zu gelangen. Können Sie den Frauen-Amateursport mit dem Profisport vergleichen und einige Beispiele für grundlegende Unterschiede nennen?
Das sind völlig unvergleichbare Welten, deren Prinzipien einander oft direkt widersprechen. Der Amateursport, besonders der moderne europäische, läuft immer mehr auf reines Punktesammeln hinaus. Das ist eine Art sportliche Bürokratie: technisch sauber mit dem Handschuh berührt — Punkt bekommen. Der Profiring verzeiht so etwas nicht. Hier wird nicht mit Punkten gehandelt, sondern mit Spektakel, Drama und echtem Schaden. Der Zuschauer bezahlt sein Geld dafür, einen Vernichtungskampf zu sehen, bei dem das Ziel ist, die Gegnerin zu brechen, und nicht, sie bloß technisch "auszufechten".
Der zweite grundlegende Unterschied ist die finanzielle Seite und die Qualität der Ausrüstung. Amateursport ist unvergleichlich billiger, angefangen bei der Ausrüstung bis hin zu organisatorischen Fragen. Im Amateurbereich lässt sich für 200 Euro eine durchaus ordentliche Ausrüstung zusammenstellen. Im Profisport kosten allein die Boxhandschuhe deutlich mehr. Natürlich kann man auch im Profibereich versuchen zu sparen, aber dieses Sparen geht in erster Linie zulasten der eigenen Gesundheit — und Gesundheit ist hier die wichtigste Ressource.
Der dritte Unterschied ist der Preis eines Fehlers und die Struktur der Vorbereitung. Im Amateurbereich ist die Kämpferin Teil eines Turnierbaums. Man kann innerhalb weniger Tage drei oder vier Kämpfe gegen völlig unterschiedliche, oft zufällige Gegnerinnen bestreiten. Im Profibereich ist alles anders: Das ist wie eine Schachpartie, bei der man sich monatelang auf eine einzige, ganz bestimmte Gegnerin vorbereitet und sie vorher bis ins Detail analysiert. Und während eine Niederlage im Amateurbereich nur bedeutet, bei diesem einen Turnier keine Medaille zu bekommen, kann im Profibereich ein einziger Fehler die eigene Karriere um Jahre zurückwerfen. Hier gibt es keine tröstenden dritten Plätze und keine Teilnahmeurkunden.
Und der letzte, wohl wichtigste Unterschied ist der Status der Sportlerin selbst. Im Amateursport bleibt die Sportlerin als Person, wie ich am Beispiel mit der Flagge schon gezeigt habe, oft nur ein namenloses Rädchen im System der Verbände. Im Profiboxen wird die Kämpferin zu einer autonomen Kampfeinheit, faktisch zu einer vollständig unabhängigen Marke. Und sie diktiert ihre eigenen Bedingungen.